Zehn Gründe für eine Anlageentscheidung im Agrarsektor nennt Andrew Ramsbottom, Deutschbänker im Private Wealth Management auf FTAdviser in seinem Beitrag Focus: Time to make gains through grains. Ramsbottom bringt hier neben bekannten Argumenten für den Agrarsektor auch neue und interessante Aspekte.
Einführend zeigt der Autor die Auswirkungen des vorausgesagten Bevölkerungswachstums (1. Argument) auf den zukünftigen Bedarf an Agrarrohstoffen auf und zeichnet mit diesem Argument rosige Aussichten. 9,5 Milliarden Menschen im Jahre 2050 würden den Getreidekonsum im Vergleich zu 2005 mit 6,5 Millarden Menschen um 1 Milliarde Tonnen pro Jahr erhöhen. In Verbindung mit der, ebenfalls durch das Bevölkerungswachstum hervorgerufenen Urbanisierung (2. Argument) werden nach Ansicht Ramsbottoms die Anbauflächen zunehmend verknappt, woraus Preissteigerungen abgeleitet werden. Soweit keine wirklichen Überraschungen.
Monopolistische Angebotsstrukturen (3. Argument) auf Länderbasis sprechen nach Ramsbottom ebenfalls für Agrarinvestments. Er sieht hierbei eine erhöhte Gefahr der Angebotsverknappung durch lokal begrenzte politisch oder klimatisch bedingte Einflüsse. Dies führt zur generellen Klimaveränderung (4. Argument), da durch rauhere Bedingungen und schlechte Prognostizierbarkeit Preisausschläge deutlicher auftreten und zugleich die Lagerbestände mit Ausgleichfunktion der Preise niedriger ausfallen dürften. Mit diesem Argument zielt Ramsbottom natürlich auf deutliche Preisausschläge nach oben ab. Beachtet werden sollte hingegen, dass eine deutlich erhöhte Volatilität nicht im grundsätzlichen Interesse eines auf nachhaltige Wertsteigerungen bedachten Anleger sein kann. Außerdem zieht eine hohe Kursschwankungsbreite Spekulanten an, welche die Unvorhersehbarkeit eines Marktes für klassische Investoren weiter erhöhen können.
Veränderte Ernährungsgewohnheiten bedingt durch erhöhten Wohlstand (5. Argument) zielt in bekannter Form auf den Mehrverbrauch pflanzlicher Nahrungsmittel bei der Produktion tierischer Agrarerzeugnisse ab. Auch das zunehmende Umweltbewußtsein, welches zum teilweisen Austausch fossiler durch biologische Energieträger füht (6. Argument), wird hier als Argument angebracht. Die Agrarprodukte erhalten hierdurch Konkurrenz in der Verwendung auf einer zusätzlichen Ebene und stehen hinsichtlich des Angebots in zusätzlicher Abhängigkeit von Energiepreisniveaus. Hierbei ist jedoch zu bedenken, dass alternative Energieträger noch massiven Subventionsverzerrungen unterliegen und abzuwarten bleibt welche Varianten sich durchsetzen werden.
Bewertungsdifferenzen im Vergleich zu anderen Rohstoffen (7. Argument ) sind für Ramsbottom ebenfalls ein Grund für Investitionen im Agrarbereich. Bedenken sollten Investoren jedoch, dass Agrarrohstoffe im Vergleich zu Metallen und Energierohstoffen geringeren Limitationen unterliegen. So treten diese im Agrarsektor nicht absolut auf, sondern beschränken sich üblicherweise auf die zeitliche Dimension eines Erntejahres. Das Argument, welches im Zusammenhang der schlechten Lagerbarkeit und veränderten Klimabedingungen angebracht wurde, dient hier für Ramsbottom in fast konträrer Form erneut als Argument und ist daher kritisch zu sehen.
Auch die angeführten niedrigen Lagerbestände (8. Argument) sind so nicht generalisierbar. Beachtet werden müssen hier mögliche Lücken in den Statistiken durch Aufbewahrung außerhalb offizieller Lagerstätten ebenso wie der Einfluss außerordentlicher Ereignisse (z.B. Ernteausfall in Indien bei Zucker 2009). Ein Zustand der zudem nicht für alle Agrarmärkte gleichermaßen gilt, wie aus dem Commodity Yearbook 2010 der LBBW hervorgeht:
Im Getreidesektor entwickelt sich ein zweites
phantastisches globales Erntejahr mit deutlich
ansteigenden Weltlagerbeständen bei Weizen und
Sojabohnen.
Ebenfalls kritisch zu sehen ist der von Ramsbottom erwähnte Diversifizierungsaspekt (9. Argument). Der Vorteil einer hohen Unabhängigkeit des Agrarsektors von den Renditen anderer Assetklassen dürfte im Zuge zunehmenden Investoreninteresses in Zukunft abnehmen. Rückwirkend sind solche Ergebnisse meist festzustellen, wenn vorwiegend Produzenten und Konsumenten, also klassische Hedger, auf Märkten aktiv waren. Spekulanten führen Märkte zunehmend in Renditemuster allgemeiner Finanzmärkte und traditioneller Assetklassen.
Relativ neu hingenen ist die abschließende Erwähnung eines zunehmendem Einflusses von Regierungen auf die Agrarmärkte. Bisher zeigte sich diese vor allem in Subventionen. Seit neuestem ist jedoch auch die Ausweitung von Handelsbeschränkungen (10. Argument) zu beobachten. Insbesondere im Zuge steigender Preise verhängen Regierungen Exportverbote um den Inlandspreis zu Gunsten der eigenen Bevölkerung niedrig zu halten. Was auf den ersten Blick erfolgsversprechend ist, führt beim zweiten Hinsehen nach Ramsbottom zu geringeren Einkommen im Agrarsektor, wodurch Investitionen gebremst werden und das Angebot weiter verknappt. Preissteigerungen sind die Folge. Ein weiteres Handeln von Staaten liegt im Aufbau strategischer Vorräte. In erster Instanz eine Verknappung des Angebots, erhöht sich hierdurch nach Ramsbottom die Gefahr von plötzlichen Angebotsausweitungen seitens der Regierungen falls die Preise steigen sollten.
Gerade die abschließende Argumentation greift spannende neue Aspekte auf. Sie zeigt, dass Handelsbeschränkungen nur kurzfristig Entlastungen für die Preisbelastung der Bevölkerung bringen und langfsritig sogar kontraproduktiv wirken. Auch der Aufbau strategischer Reserven ist unter dem Aspekt interessant, dass Staaten gerade im Zuge hoher Verschuldung zum “Kasse machen” verleitet werden könnten und plötzlich als spekulativer Marktteilnehmer im Agrarsektor agieren.
Mit dem für private Investoren wichtigsten Beitrag schließt dann auch die von Ramsbottom geführte Argumentation “PRO AGRAR”. Terminmärkte im Agrarsektor sind komplex und volatil und erfordern aufwendigem und besonderen Umgang. Es ist also alles wie immer. Wo herausragende Renditen versteckt scheinen lauert auch immer ein erhöhtes Risiko.